Dinge, die aussterben: Die Eisblume

235eisblume_g.jpg Die Dämmung ist der natürliche Feind der Eisblume. Jahrhundertelang konnte sie ein wildes Parasitenleben führen und von Fenster zu Fenster ziehen – immer auf der Suche nach menschlicher Wärme. Im Sommer ließ sie sich in den Süden treiben, im Winter durchstreifte sie die Fensterläden und ließ sich auf Fensterbänken nieder. Heute jedoch wird die Eisblume in Deutschland nicht mehr heimisch. Die menschliche Wärme reicht nicht mehr für sie – reicht sie doch gerade für den Innenraum. Die falsche Ideologie des Energiesparens, das Gerede von einer so genannten Energieknappheit, führten zur Erfindung des glatt-gelackten Isolierglasfensters und des verlogenen Verbundfensters. Seit Jahren zieht die Eisblume nun von Haus zu Haus, heimatlos, Asyl suchend. Sie verzweifelt daran, dass Menschen Zahlen mehr als Schönheit schätzen. Heizkostenabrechnung, Energiesparverordnung, Wärmedurchlasswiderstand – armes Deutschland. So geht sie verloren: Sie, der Fenstergeist, sie, die einzige Blume, die niemand jemals verschenken konnte.

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Dinge, die aussterben: Das Yes-Törtchen

224yestortchen.jpg Ostseeurlaub im Juli. Es regnet in Strömen. Völlig durchnässt huscht er zum Zelt. Ein betrübter Geburtstag für sie. Da beginnt er „Happy Birthday“ zu singen und zaubert ein kleines Yes-Törtchen mit einer noch kleineren Kerze hervor. Sie lächelt liebevoll und die Nacht ist gerettet. Tausende Männer konnten sich dank dieser Yes-Werbung erstmals etwas unter dem Wort „Romantik“ vorstellen.
Doch diese Herzenswärme verkaufte sich schlecht und wurde von der kaltherzigen Wirtschaft gemobbt. Erst stellte die Stiftung Warentest fest, dass es Alkohol enthielt – was für ein Geburtstagstörtchen nicht unbedingt schlecht sein musste. Dann erklärte Aldi den Kleinstkuchenmarkt für tot und nahm den Ersatz-Riegel „Montana“ aus dem Angebot. 2003 beerdigte Nestlé Yes endgültig, weil die Nachfrage zu gering war. Das Berliner Yes-Werk wurde geschlossen. Und mit ihm die kleine Yes-Schule der Alltagsromantik.

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Dinge, die aussterben: Die Klostrippe

223-klostrippe.jpg Die gemeine Klostrippe wurde früher stilsicher aus Plastikkettenteilchen handgeknüpft und liebevoll mit einer Holzkordel versehen. Rein technisch gesehen war sie als sogenannter „Toilettenzughakenerrreichbarkeitshilfszug“ bei den ersten Wasser-Klosetts von nöten, die den abführenden Wasserdruck nur durch die Wasserfallhöhe erreichten. Seit den 70er Jahren kann man den durch die DIN-Norm 3265 festgelegten Spülstrom auch mit Tiefsitzern erreichen. Der Klostrippe wurde langsam das Wasser abgegraben. Neue Toiletten wurden schon lange nicht mehr damit ausgestattet, die Sanitärhersteller behielten sie lediglich für Reparaturen im Programm. In diesem Jahr kam aber das endgültige Aus: Der Sanitärhersteller Grohe hat die „Toilette mit Hilfszug“ beispielsweise komplett aus dem Programm genommen. An der FSU Jena gibt es für Nostalgiker immerhin einen Trost: In der Lessingstraße 8 (Pharmazie) ist das Kulturgut Klostrippe konserviert.

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Dinge, die aussterben: Handschrift

Der Bund deutscher Handschriftenschützer (BdHs) meldet: Alle drei Sekunden stirbt eine Handschrift. Durch eine fortschreitende Technisierung und Handkrampf wird in spätestens 30 Jahren die Handschrift im persönlichen Gebrauch ausgestorben sein. So prognostiziert der Bund und ruft in Zusammenarbeit mit dem Feigenblatt ein Artenschutzprogramm für Handschriften ins Leben. Beteilige auch du dich und verewige deine Handschrift auf dem nächsten Feigenblatt. Schreib einen Satz deiner Wahl auf, scanne ihn ein und schick ihn an post@dasfeigenblatt.de

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